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![]() MEINE MUSIKALISCHEN CREDO
2. Ich habe fortwährend nach den einfachsten Mitteln gesucht, um meine Idee und meine musikalischen Gedanken auszudrücken, denn ich bin überzeugt, daB die vorsätzliche und wohlüberlegte Niederschrift von Musik, bei der Schwierigkeit und Komplexität ein Ziel an sich sind, kein gutter Gedanke ist. Gleichzeitig scheint mir aber ein Rückkehr zur Tonalität ganz sinnlos zu sein. Die bloBe "Rückkehr zur Vergangenheit" hat mich nie verlockt, sogar dann nicht, wenn es mir notwendig scheint, in den Werken der Vergangenheit die vitalen Kräfte zu analysieren und zu erkennen, die immer noch lebendig sind und furs musikalische Schaffen gelten, zu jeder Zeit und in jedem Stil. 3. Was die Rhythmik anbetrifft, so scheinen mir RegelmaB und metrische Beziehungspunkte, vereint mit der gröBmöglichen rhythmischn Freiheit, die Grundelement des künstlerischen Schaffens zu sein. In diesem Punkt wurde die unterbewuBte Schulung meines UnbewuBten sehr durch die afro-brasilianischen Rhythmen von Recife beeinfluBt, meiner Geburtsstadt, wo noch Rhythmen wie der Maracatu, der Frevo, der Caboclinhos und der Cirandas existieren. 4. Was die Form angeht, suche ich das Gelichgewicht zwischen der Einheit und der Verschiedenartigkeit, und lasse dabei, in gewisser Weise, die musikalischen Ideen sich selber schmieden und ihre eigene formale Organisation hervorbringen. Für mich ist die Form die Notwendigkeit, dem musikalischen Gedanken eine klare und vertändliche Ordnung zu geben, die organisiert und zusammenhängend ist. Das Klangmaterial entwickelt sich im allgemeinen in meinem Kopf wie ein Drama, sie ein abstracter Roman. 5. In meinen Werken strebe ich als oberstes Ziel an, ein Gleichgewicht zwischen der Spontaneität und der bewuBten Logik herzustellen, zwischen Ökonomie und Reichtum des Materials, ohne jemals zu erlauben, daB Strenge, Konzentration und Genauigkeitso die Oberhand gewinne, daB sie die Leichtigkeit, die Üppigkeit und den knotinuierlichen FluB des Klangstroms beschädigen. Meine Sorge ist schlieBlich daB jades Werk seinen eigenen Ablauf und seine eigene Logik findet, die ihm die volkommene Kontinuität und Vberständlichkeit des musikalischen Diskuses garatieren, und dabei dennoch nicht auf das Wagnis der Erfahrung von etwas Neuem zu verzichten soweit dieser Impuls notwendig ist und nicht ein Ziel an sich. 6. Ich möchte den Komponisten mit einem Schwamm vergleichen, der in der verschiedenen Perioden seines Lebens die allerverschiedensten Einflüsse aufsaugt. Kein Komponist wird jemals die genau gleichen Hörerfahrungen machen wie ein anderer Komponist, Erfahrungen, von denen die Formung des persönlichen Stils jades wirklich Schaffenden abhängt. So wird meine Musik zum Produkt meines UnterbewuBtseins,das die verschiedensten Einflüsse absorbiert und archiviert hat, indem es sie filtert und selektiert. 7. Das Wertvollste, was ich gelernt habe, ist, endlich die Gesetze der groBen Form der Klassiker des 18. und 19. Jahrhunderts zu verstehen, besonders bei Haydn und Beethoven. Die serielle Musik, so überreich ihr Beitraf ist, hat mit diesen groBen Traditionen gebrochn, schon indem sie das Grundprizip der Wiederholung abgeschafft hat, ohne der Musik wirklich einen Ersatz dafür zu bieten. Aus diesem Grunde sind die wichtigsten seriellen Werke immer die gewesen, die sich auf Teste stützen, die wiederum den Rahmen für ihre formale Organisation liefern. In der reinen und abstrakten Musik hat die serielle Musik, wo sie die groBen Formen ansteuerte, sich durch ihren Mangel an Organisation und Zusammenhang versündigt. 8. Die Komponister des 20. Jahrhunderts, die mich am stärksten beeinfluBt haben, sind Debussy, Bartók und Lutoslawski. Sie sind fähig gewesen, die musikalische Sprache zu erneuern, ohne notwendigerweise mit der höchsten Tradition zu brechen. 9. Viele junge Komponisten, di - nich erst in unserer Zeit - viel Sorgfalt darauf verwenden, ein aktuelles Werk zu schaffen, lassen sich ausschlieBlich von technischen Problemen in Beschlag nehmen, die ihre schöpferische Phantasie bremsen. Meine Musik wird ihre Inspiration aus der Quelle des UnbewuBten schöpfen und dabei den Kunstgriff der Anspielung benutzen, des Zitierens, Verweisens auf vergangene oder gegenwärtige Eindrücke, die mich in bestimmten Momenten hingerissen haben. Sie steigen, wie somnambul, an die Oberfläche meines BewuBtseins und regen mich zur Arbeit an. 10. Ich bin ein Erfinder von Musik, der bewegt wird von dem Wuhsch, seine eigene Sprache zu schaffen als Synthese aus den Erfahrungen seines Ohren und seines Intellekts, und so organisiert, daB daraus Kompositionen von gröBtmöglicher Strenge entstehen. Ich ziehe eine "unreine" aber lebendige Sprache einer Sprache vor, die "rein" ist, aber tot. Ich will, daB meine Visionen und Träume am Leben bleiben, sogar die schlchten Träume. Ich möchte, daB alle verständlich werden, von dem Moment an, wo ich mir vorstelle, daB es die Mühe lohnt, sie mitzuteilen, daB sie genug Energie und Gefühl in sich haben, um fähig zu sein, das Leben derer zu verbessern, die zuhören. |
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Rio de Janeiro - Brasil - 2005 |