FRANCISCO CURT LANGE:Weg und
Bedeutung von Marlos Nobre
Ein neuer
Name erschien vor einigen Jahren gleich einem leuchtenden Stern am Firmament
der musikalischen Welt. Seine Genesis vollzog sich in Brasilien, dem
Lande aller unmöglichen Möglichkeiten, das sich seit der Gründung
der neuen Hauptstadt Brasilia inmitten der europäischen Unkenntnis
und Gleichgültigkeit über Lateinamerika zu imponieren wusste.
Man frug sich in den letzten Jahrzehnten oft ob das unerwartete Erscheinen
eines Nachfolgers des grossen Villa-Lobos möglich sein könnte.
Francisco Mignone steht in 83., M. Camargo Guarnieri im 73. Lebens jahr.
Wer konnte der Erbe von Individualitäten sein die sich durch internationale
Preise und eine reiche Produktivität zu Persönlichkeiten ersten
Ranges entwickelt hatten? Die Antwort am aus dem magischen Nordosten
Brasiliens, von den Gefilden des "Frêvo", des "Maracatú",
des "Xangô" und "Candomblé", der Rhythmik
der überreichen Sprache der Trommeln und der dramatischen Tänze
die sich stundenlang nachts bis zum Morgengrauen hinziehen, so "Bumba-meu-Boi",
die "Nau-Catarineta", die "Caboclinhos" und "Congos".
Marlos Nobre wurde 1939 in Recife, dem brasilianischen Venedig geboren.
Schon in Alter von vier Jahren beeindruckte seine musikalische Veranlagung
Familie und Freunde. Mit sechs Jahren begann er seine Studien im Städtischen
Konservatorium und später and der Universität (1955-59). Ab
1960 pendelte er zwischen Rio de Janeiro und São Paulo als Schüler
von Hans-Joachim Koellreutter und Camargo Guarnieri. 1963-64 erhielt
er ein Rockefeller-Stipendium für Studien am Torcuato Di Tella-Institut
in Buenos Aires, so er bei Ginastera, Messiaen, Malipiero und Dallapiccola
seine akademische Ausbildung beendigte und mit einer fast unglaubbaren
Reife seiner Personalität, in Alter von 23 Jahren, seine professionelle
Laufbahn begann. Die ersten Preise internationalen Charakters gewann
er in dieser letzten Periode seiner künstlerischen Gestaltung.
Sein erster Schritt was in jene Jahren die Vernichtung seiner bisherigen,
sehr umfangreichen Produktion. Das sakrale Feuer liess als erstes Werk
eines Zwanzig jährigen sein 'Concertino für Klavier und Streicher'
am Leben. Seine erste musikalische Ausbildung basierte sich auf Mozart,
Haydn, Beethoven, Schumann und Chopin. Als Vierzehn jähriger entdeckte
er Bach und etwas später seine brasilianische Vorbilder: Villa-Lobos
und Ernesto Nazareth. Schon in diesem 'Concertino' fühlt man die
Spontaneität, ein besonderer Zug seiner Persönlichkeit, die
sich in diesem "Nordestino" bis zum heutigen Tage mit einer
eindrucksvollen Prägnanz kennzeichnet. Als Vollblutmusiker identifizierte
er sich mit den schon genannten Tänzen und den Instrumenten afrikanischer
Herkunft, den "ganzás,agogôs,bombos" und "atabaques".
Wer einmal an einer authentischen sitzung oder Festlichkeit des "Xangô,
Candomblé" oder der "Macumba" teilnehmen konnte,
und von der raffinierten Technik des Trommelns, seiner unglaublich vielen
Rhythmen und den rhythmisch modulierenden, sakralen instrumenten "Rum,Rumpi"
und "Lê", tief beeindruckt wurde, begreift warum diese
Elemente musikalisch hochveranlagten Brasilianern ins Blut übergehen.
Marlos Nobre erkennt überzeugt diesen von ihm aufgesaugten Reichtum
von höchst variierter Rhythmik, der straffsten Metrik wie in dem
crescendo des fast zum Paroxismus steigenden 'adarrum' un der hexa-und
heptakordalen Melokik mit ihren reich synkopierten Linien und sagt:
"Diese überreichen Eindrücke meiner Kindheit un Jugend
leben in meine Blut und meinem Herzen, viel mehr als in meinem Kopfe".
Was in Marlos Nobre überrascht sind seine wechselnden Stile, in
dene jedoch stets ein gemeinsamer Grundton auffindbar ist, der sich
selbstverständlicherweise auch nich von auswärtigen Einflüssen
befreien konnte. Seine erste Schaffensperiod läuft von Opus 1 zu
Opus 14, d.h., von "Concertino" zum "Divertimento".
Man kann diese Phase als tonal-modal-politonal und atonal bezeichnen,
die sich auf einer spontanen Ausdruckstechnik bewegt und nicht auf vorbereiteten,
durchstudierten Schemen, sondern auf der Basis einer stetigen Nerviosität
die ansteckend wirkt. Bei ihm herrscht die Variation, die metrische
Polyphonie, es imponieren die Akzente einer neuen Dynamik, ohne dabei
jemals die Melodik aufzugebe. Bach, als Grundthema, erscheint in seinem
"Trio" Opus 4, im shon genannten "Divertimento"
Opus 14, im "Streichquartett" Opus 26, in "Bläserquintett"
Opus 28, in den "Convergências" Opus 29, der "Biosfera"
Opus 35 und im "Homenagem a Villa-Lobos", der ja selbst Bach
höchst verehrte. Ihn beherrschte, allerdings nur im Unbewussten,
Ernesto Nazareth mit seiner fabelhaften pianistischen Rhythmik, die
man in seinen, dem Nordosten gewidmeten Werke, den drei "Ciclos
Nordestinos" entdeckt, wiederum die brasilianische Charakteristik
der verminderten Septime und der übermässigen Quart. In seiner
zweiten Phase, die von Opus 15 bis Opus 32 läuft, finden wir verschiedene
Ausdruckselemente, die Aleatorische, aber keine dieser Techniken entwickelte
sich in ihm zum Dogma. Er suchte eigenen Weg, wehrte sich instinktiv
gegen die Gefahr wie viele seiner Kollegen in eine Sackgasse zu geraten
um nach langem Zeitverlust eine neue Bahn einzuschlagen. Er experimentierte
nie theretisch, suchte nie nad, neuen Graphien, denn diese Arte "Neues"
war ihm zuwider. Bei Marlos Nobre ist alles was er schreibt an erster
Stelle Form und Klang, Rhythmus und Metrik.
"Ukrinmakrinkrin", Opus 17 ist ein freier Serialismus, "Canticum
Instrumentale", Opus 25, sein "1.Streichquartett", Opus
26 und "Tropicale", Opus 30, dieses als aleatorisches Werk,
eine Tendenz die er bald aufgab. Der in ihm lebende Grundton seiner
klanglichen Existenz, dessen Keime in dieser zweiten Phase erneut auftauchten,
zieht sich von "Agô Lonã" Opus 16, "Praianas",
Opus 18. "Três Côros de Natal", Opus 19, "Dengues
da Mulata desinteressada", Opus 20, "Beiramar", Opus
21, "Modinha", Opus 23, "Sonata Breve", Opus 24,
"Rhythmetron", Opus 27, "Quinteto de Sopros", Opus
28, "Convergências", Opus 29, durch die ganze Serie
der "Desafios", Opus 31 und "Dia da Graça",
Opus 32. Hier handelt es sich um eine starke Betonung seiner ersten
Phase, des Nordostens.
Die dritte Phase bedeutet eine Integration der vorher stattgefundenen
Prozesse in denen er mit Erfolg versucht hat, mittels technischer Medien
eine ihn zufriedenstellende Reife der in ihm liegenden Ideen zu erlangen.
Sie umfasst die Jahre 1969-77. Das "Concerto Breve", beginnt
mit der Opuszahl 33 dieser Etappe. Es folgen "Ludus Instrumentalis",
Opus 34, "Biosfera", Opus 35, "Mosaico", Opus 36,
"Sonancias I", Opus 37, "O Canto Multiplicado",
Opus 38 (eine Dichtung über den Verlust des spanischen Dichters
und Dramaturgen García Lorca, von dem grössten Dicher Brasiliens,
Carlos Drummond de Andrade verfasst), "In Memoriam", Opus
39, "Homenagem a Arthur Rubinstein", Opus 40, die "Momentos
I,II,III" für Gitarre, Opus 41 and das "Concerto I für
Streichorchester", Opus 42. In dieser Serie spielen sich freie
seriale und aleatorische Prozesse ab. "Biosfera" folgte einer
inneren Notwendigkeit die zwei ersten Sätze des "Streichquartetts
n°1" zu erweitern und das Gleiche geschah im Verhältnis
des "Konzerts für Streicher" mit dem dritten Satz desgenannten
Quartetts. Die "Widmung an Rubinstein" verdankt seine Entstehung
der Variation Presto des "Concerto Breve" für Klavier
und Perkussion. Der vierte "Nordöstliche Zyklus" setzt
sogar mit "Quatro Momentos" und den "Sonata über
ein Thema von Bartok" diese Tendenz fort und mit der "Widmung
an Villa-Lobos" greift er zum Anfang der Thematik des "Desafios"
des Jahres 1968 zurück allerdings mit einer anderen Entwicklung.
Im Laufe des Jahres 1978 schrieb Marlos Nobre nicht ein einziges Werk.
Der Leser fragt nach der Ursache. Ernahn vor sechs Jahren die Ernennung
zum Leiter des Nationalinstituts für Musik an, eine Stellung die
ihn wegen Überarbeitung im letzten Jahre dieser Tätigkeit
keine Zeit zur Komposition gestattete. Und kier homme ich zu einem von
Zuge Nobres Charakter der eine wichtige Fähigkeit kennzeichnet
die man in keinem seiner Vorgänger, noch unter sinen heutingen
Kollegen vorfindet. Ich beziehe mich auf seine amerikanistische Einstellung.
In der brasilianischen Musikgeschichte finden wir, ganz besonders in
diesem Jahrhundert, nur Individualitäten die um ihre eingene Existenz
zu kämpfen hatten, obwohl in dieser Haltung auch eine gewisse Egoistik
unverkennbar ist. Ausserdem besass keener der Grossen ein historisches
Interesse für die musikalische Vergangenheit des Landes, die für
sie glattweg nicht bestanden hatte. Als ich in den Jahren 1944-45 die
Musikbewegung des koloniales Generalkapitanats von Minas Gerais entdeckte,
dessen Musikgeschichte schreiben und die von mir entdeckten Werk der
Mulattenkomponisten restaurieren und in Europa, Afrika und dem ganzen
amerikanischen Erdteil aufführen lassen konnte, öffnete sich
zum ersten Male in Brasiliens Musikgeschichte, ein unbekanntes, erstaunliches
Panorama, das zur Entdeckung von Werken in anderen Staaten des Landes
und zu einer Systematisierung un Bewertung der Kolonialmusik führte,
die kategorisch bis zum Jahre 1944 verneint worden war. Nach 30 Jahre
Forschungen und Veröffentlichungen unternahm Marlos Nobre, als
Leiter des Nationalistitute für Musik die Fortführung meiner
Bemühungen, in der Region des Rio das Mortes, wo er in den alten
Kolonialstädten São João del-Tei, Tiradentes und
Prados. Forschungen in Bewegung setzte die aus alten Archiven die Music
des 18.Jahrhundert ans Licht beförderte und von dem bestehenden
Stimmenmaterial wieder in Partitur gesetzt werden konnte. Er griff dort
ein wo ich wegen Zeitmangel und Fehlens von Unterstützung meine
Tätigkeit nicht fortsetzen konnte und bildete ein Archiv alter
Kolonialmusik des heutigen Staates Minas Gerais das einen patriotischen
Zug Nobres bezeugt der seinen Vorgängern fremd war.
Er besitzt noch eine anders Qualität die hervorgehoben werden muss:
sein Sin für den organisatorischen Aufbau des Musiklebens Lateinamerikas
und dessen enge Verindung mittels eines laufenden Austausches und der
systematischen Aufführung ibero-amerikanischer Werke. Diese von
mir seit 1932 gepredigte Bewegung, als "Americanismo Musical"
weitbekannt, fand in diesem unermüdlichen und höchst dynamischen
Kämpfer einen idealen Förderer meiner Ideen, dem zuständingsten
und verständnisvolsten Jünger. Ein glänzender Beweis
seiner amerikanistischen Bemühungen war sein Bericht über
die musikalische Lage Lateinamerikas den er im Festival von Maracaibo
1978 darbot, und den ich sofort in den Zeitschriften "Revista Musical
Chilena" (Santiago de Chile, N° 142-44,Dezember 1978, pp. 125-30)
und in "Heterofonía" (México, D.F., n° 61,
Juli-August 1978, pp.14-19) veröffentlichen liess, letzteren ausserdem
mit einem einführenden Artike, "Un Discurso de Transcendencia.
La Ponencia presentada por el Compositor brasileño Marlos Nobre
en el Festival de Maracaibo" begleitete.
Hier stehen die Beweise, dass sich Marlos Nobre nicht nur als künstlerische
Individualität betrachtet und diesbezüglich nur für seine
Interessen kämpft, sondern sich mit einem breitem Spektrum der
Gegenwart verpflichtef fühlt, sich für die heute unvermeidlichen
Schwächen unserer musikalisch und musikwissenschaftlich noch unreifen
Länder einsetzt und sein Besten zu tun gewillt ist um die bestehenden
Fehler mit praktischen Beweisen auszumerzen.
Der Hauptzug der wichtigsten brasilianischen Tonsetzer war eine systematische
Übertreibung ihrer schöpferischen Fähigkeiten und man
fragt sich oft, welche Anzahl von Werken dieses Jahrhundert überleben
wird. Diesen Drang als Vielschreiberei zu bezeichnen finde ich nicht
recht, sondern würde ihn mehr als eine naturelle tropikale Attitude
darstellen. Vieles ist schon heut für immer verschwundean, ohne
die Gelegenheitswerke einzubezienen. Trotz seiner faszinierenden Energie,
Dynamik und Weitsichtigkeit, auch seiner Verbundenheit zu der ihn umgebenden
Mitwelt ist Marlos Nobre sparsamer in seiner Produktionstätigkeit
gewesen.Betrachtet oder analysiert man die Werke Nobres, oder besser
ausgedrückt, hören wir sein Gesamtwerk im Konzertsaal oder
auf ziemlich vielen Schallplatten, dann kommt man zu dem Eindruck das
alles klanglich mit einem besonderen Odem durchsetzt ist, der seinem
Schöpfungen ein langes Leben versicheert.
Nach Rücktritt von einer Stellung als Leiter des Nationalinstituts
der Musik hat er in einem an mich gerichtetes Schreiben mit jugendliches
Optimismus erklärt, er sammle sich jetzt für eine neue Etappe,
nachdem er allen Balast von sich werfen konnte. Eingeengt in bürokratische
Verpflichtungen, war es ihm nicht möglich gewesen, die spontan
und unaufhörlich quellenden Ideen in einen notwendigen Kanal zu
leiten.
Marlos Nobre ist seit geraumer Zeit eine Figur internationalen Ranges.
Seine Verpflichtungen als Dirigent, Pianist und Tonsetzer umfassen den
ganzen Erdball. Kompositionsaufträge erreichen ihn von bedeutenden
musikalischen Zentren. Überiseht man seine Verpflichtungen für
Jahr 1980, kann man kaum begreifen wie eine Vierzigähriger dieser
Unmenge von Konzerten, Konferenzen und Vorträgen gerecht werden
kann. Vor kurzen wirkte er and drei Universitäten Australiens,
morgen ist er in Rom, Paris, Madrid, den Vereinigtn Staaten. Ich seje
in ihm der Vollblutmusiker, die ideale Figur des vielseitigen Tonsetzers
der sich aus, als Pianist und Dirigent für sein Werk einsetzen
kann. Er beschritt jenen Pfad der fast instinktiven überzeugung
dass Lateinamerica die Zukunft verwahrt ist, und als Nestor seines eigenen,
vielseitigen und fast unendlichen Brasiliens begrüsse ich ihn als
unbestreitbare Persönlichkeit inmitten der interamerikanischen
musikalischen Scöpfung.
PROFESSOR
DR. FRANCISCO CURT LANGE
Montevideo, den 4.Januar 1980